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Productions
Pianolab 2013/14: Inner Time Spaces

 

Armenisch/Anatolische Quellen und die Musik von Paul Motian, Tigran Mansurian und Komitas Vardaped

 


Vahé Hovanesian (ARM) – duduk 
taking part in several parts of the concerts

 

Keiko Shichijo (JP/NL) – solo piano
works of Komitas Vardapet, Tigran Mansurian

 

Harry Tavitian (RO) – solo piano
improvisations on works by Komitas e.a

 

Dante Boon (NL) – solo piano
works of Komitas Vardapet, Cemal Resit Rey, Anastassis Philippakopoulos

 

Tom Arthurs (GB/D) (trumpet), Stevko Busch (D/NL) (piano), Samuel Rohrer (CH) (drums), Jan Bang (NO) (electronics)  
On the music of Paul Motian, Komitas Vardapet, own work

 

 

Konzept: Henning Bolte, Stevko Busch

 

 

Musikalisches Gedächtnis...

Artikel von Stevko Busch

 

 

Höre Keiko Shichijo...

 

 

Mit Pianolab schuf Stevko Busch seit 2006 Raum für unterschiedlichste Klaviermusik, von Klassik bis zu aktuellen Kompositionen und Improvisationen.

 

Das neue Programm von „Galerie der Töne“ hat als Ausgangs- und Orientierungspunkt die einzigartige Spielweise und Klangwelt des amerikanischen Schlagzeugers und der Jazzlegende Paul Motian, der durch seine armenischen Eltern mit Musik aus diesem Land in Berührung war. Motian, ein phänomenaler Hörer mit einer tiefen musikalischen Erinnerung, schuf mit seinem Spiel auf eine besondere Weise offene Räume, in denen tiefere Lagen des musikalischen Gedächtnisses angesprochen und freigelegt wurden, wodurch die zugrunde liegenden Quellen in einer neu durchlebten Form neue Gestalt und Klarheit erhalten konnten. Darin kamen westliche, afroamerikanische und östliche Quellen auf eine einzigartige Weise zusammen.

 

Der Komponist Komitas Vardapet hat - bereits 30 Jahre vor Béla Bartók in Ungarn - die traditionelle Musik von Armenien zusammengetragen und in Kompositionen für Klavier, Orchester oder Chor zu Papier gebracht. Die japanische Pianistin Keiko Shichijo erweckt in ihrer Interpretation von Komitas‘ „Six Dances for Piano“ die traditionellen Spieltechniken, die der Komponist in diesem Stück verarbeitet hat, zu neuem Leben.

 

„Das Instrument brachte unter ihren Händen eine Reinheit der Klänge hervor, die wirklich atemberaubend ist. Ihre ganze Erscheinung atmet Klarheit, wie auch die Intensität während des Spielens.“ (Publikumsreaktion über Keiko Shichijo)

 

Der deutsche Pianist Stevko Busch fasst die östlichen und westlichen Spielweisen in seiner Gruppe zusammen. Von ihrem Orientierungspunkt ausgehend erforschen die beteiligten Musiker Schnittpunkte von Klängen aus Ost und West, interpretieren und improvisieren sie mit östlichen und westlichen Farbgebungen, Phrasierung und Timing.

 

Durch die Möglichkeiten der Verflüssigung, Wiederholung, Verformung und Verschiebung im Raum erhält die Live-Elektronik von Jan Bang eine zentrale Bedeutung. Der niederländisch-armenische Vahé Hovanesian repräsentiert mit der armenischen Oboe, der Duduk mit ihrem eindringlichen Klang, die östliche Seite der Blasinstrumente, und der aufstrebende britische Trompeter aus Berlin, Tom Arthurs, die westliche Seite. Und „last but not least“ ist da noch der bekannte Schweizer Schlagzeuger Samuel Rohrer aus Berlin, der zusammen mit Jan Bang eine zentrale Rolle beim Verbinden und Erwecken verschiedener Klangwelten spielt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Paul Motian - Musikalisches Gedächtnis

von Stevko Busch, mit Dank an Henning Bolte

 

 

Paul Motion war ein amerikanischer Schlagzeuger mit armenischen Vorfahren, der 2011 gestorben ist. 

 

Im Jazz ist die einflussreiche Rolle Paul Motians als Spieler und Bandleiter anerkannt, als Komponist wurde er dagegen bislang unterschätzt. Seine Werke wurden von Musikern bisher nur marginal aufgeführt, was sich jedoch in letzter Zeit ändert.  Branford Marsalis war einer der ersten, der Stücke von Paul Motian aufgeführt hat, ohne dass der Schlagzeuger selbst auch mitspielte (CD: Requiem, 2007, Titel Trieste von Paul Motian)

 

Seine Kompositionen sind zwar bekannt, werden jedoch von Musikern nicht schnell aufgegriffen. Motians Stücke strahlen eine tiefverwurzelte Ruhe und Magie aus. Nähere Untersuchungen haben gezeigt, dass seine Werke wichtige gemeinsame Eigenschaften mit armenischen Melodien haben. Ob er diese Melodien bereits in jungen Jahren gehört und später wiederentdeckt hat, oder dass er diese Musik in seinem Gedächtnis hatte und unbewusst neu geschaffen hat, muss offen bleiben. Armenische Hörer sagen beispielsweise, dass in den Stücken „Mode IV“ und „Etudes“ bekannte armenische Melodien wiederzuerkennen sind. Offensichtlich hatte Paul Motian Eigenschaften dieser Musik in seinem tiefen Gedächtnis gespeichert, so dass diese in seinem Schaffensprozess derart durchscheinen, dass mit den Quellen vertraute Hörer sofort eine Verbindung erkennen.

 

Ich bin daran interessiert, wie die Diversität der aufgeführten Musik in dieser Produktion als Ganzes wirken wird. Ich möchte vermitteln, dass es eine Vielfalt und Vielseitigkeit gibt - nicht dass das eine wichtiger ist als das andere, sondern gerade als Facetten und Spielarten der „One World Music“ zu sehen ist. Es lassen sich zwar einzelne Musikkulturen abgrenzen, doch diese Grenzen sind stets fließend und flexibel und in einem ständigen Wandel begriffen.

 

Musikalisches Gedächtnis

 

In jedem Schaffensprozess schöpft man aus den Quellen, die durch die Vergangenheit gespeist sind, so wie man bei jedem Hörerlebnis mit diesen Quellen in Verbindung tritt. Die kann sowohl bewusst als auch unbewusst geschehen. Völlig neue musikalische Ideen gibt es wahrscheinlich nicht. Was durchaus existieren kann - im Augenblick des Schaffens oder des Hörens - ist eine völlig neue Kombination musikalischer Zutaten (Tonmaterial, Instrumente, Stimmen, Spielort, Hörhaltung beziehungsweise Funktion der Musik). Ob jemand etwas Neues oder etwas Vertrautes hört, hängt also in starkem Maße vom (individuellen) musikalischen Gedächtnis ab, und im Falle des Komponisten oder Improvisators von Neugier auf unbekannte Kombinationen, oder entgegengesetzt gerade dem Bedürfnis, das Vertraute (neu) zu interpretieren, mit oder auch ohne kleine individuelle Varianten und Raffinessen.

 

 

These: Wir empfinden eine musikalische Performance als gut, angenehm, anregend, gelungen, wenn die Musik sowohl aus vertrauten als auch aus neuen Kombinationen besteht.

 

 

Verschiedene Lagen musikalischen Gedächtnisses

1.    Das musikalische Gedächtnis einer Kulturgruppe, das sich in einer Tradition äußert (ethnische Musik, Klassik, Jazz- oder Poptradition).

 

2.    Das musikalische Gedächtnis des schaffenden Komponisten, das sich in einem Verarbeitungsprozess von Traditionen äußert - sei es eine Verarbeitung zu etwas ‚Neuem‘ oder innerhalb der vertrauten Regeln. 

 

3.    Das Gedächtnis des Improvisators, der vor Ort auf der Grundlage von Skizzen und Kernideen seine musikalischen Erinnerungen als Quelle für seine Ausführung verwendet, inspiriert durch seine Musikerkollegen.

 

4.    Das Gedächtnis eines Sampling-Computers der a) verwendet, was zuvor auf seiner Festplatte gespeichert wurde und b) Material verarbeitet, das zuvor am selben Konzertabend gespielt wurde.

 

5.    Schließlich spielt das musikalische Gedächtnis des Hörers eine Rolle, in dem sich die Klänge widerspiegeln und in verschiedenem Maße eine Resonanz schaffen.